09.07.2022 – Der Klang des Humanismus

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Pforzheimer Zeitung vom 10.07.2022:

So klingt der Humanismus

Zum Reuchlin-Jubiläum spielen Johannes Hustedt und Diethard Stephan Haupt Musikstücke in Pforzheimer Kirchen.

Wie klingt der Humanismus? Diese Frage haben sich die beiden Musiker Johannes Hustedt und Diethard Stephan Haupt anlässlich des Reuchlin-Jubiläums gestellt. Ihre Antwort(en) präsentieren sie am Samstagabend im Rahmen eines Wandelkonzerts durch die Kirchen der Pforzheimer Innenstadt.
Zum Auftakt erklang Ludwig van Beethovens „Adagio“ für Flöte und Klavier in der Herz Jesu Kirche. Zusammen mit seinen beiden Vorgängern Haydn und Mozart steht der Komponist der Wiener Klassik für den „Humanismus, den Reuchlin so vorbereitet hat, dass er sich im 18. Jahrhundert voll entfalten konnte“, wie es Hustedt formulierte. „Durch sein Werk lässt sich der Mensch in seiner Ganzheit und in seinem Innersten erfahren.“ Das zweite Stück seines Zeitgenossen Johann Friedrich Reichardt passt ebenso gut in dieses Bild. Schließlich förderte Kant höchstpersönlich den Komponisten und Schriftsteller in seinen jungen Jahren. Ab 1786 zählten Goethe, Herder und Schiller zu seinem Freundeskreis.
Zudem passte auch die Besetzung zum Thema des Abends: „Die Flöte war das Instrument der aufgeklärten Herrscher“, sagt Hustedt. Friedrich der Große spielte sie mit großer Vorliebe und komponierte eigene Sonaten für das Instrument. Auch der Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz, der das Hoforchester von Mannheim gründete, war Flötist. Im dritten Konzertteil in der Schlosskirche spielten Hustedt und Haupt passend dazu ein Werk von Franz Xaver Richter, einem der Meister der Mannheimer Schule. Viele weitere Vertreter des Neuhumanismus wie Gaspard Fritz, der einst vor Voltaire spielte, ließen sich beim Zuhören entdecken.
Vorher führte der zweite Konzertteil in der Barfüßerkirche jedoch erst einmal zurück in das 15. Jahrhundert. Damals blühte in Italien die Renaissance auf und in der Musik erreichte die Polyphonie, also der Zusammenklang mehrerer unabhängiger Stimmen, einen Höhepunkt. Entsprechend ungewohnt klingen die Werke der franko-flämischen Komponisten Binchois, Dufay und Desprez. Gleiches gilt für Orgelstücke der beiden Zeit-genossen Reuchlins, Arnolt Schlick und seinem Schüler Leonhard Kleber, in denen die heilige Maria verehrt wird.
Eine weitere Anbindung an Reuchlins Leben schafften Hustedt und Haupt durch die Wahl von Stücken unterschiedlicher kultureller Prägung. Bereits im ersten Teil steht das Rondo Capriccioso des jüdischen Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy für das Mit-einander der Religionen, wie es Reuchlin forderte. Im letzten Teil kamen drei irische Weisen für Flöte und Klavier im gleichen Sinne hinzu. Den krönenden Abschluss bot das Stück „Earth“ des 1978 geborenen Japaners Takatsugu Muramatsu. Den Klang in der St. Franziskus Kirche beschrieb Hustedt mit den Worten: „als ob er die Welt umarmen möchte.“

Sofia Morelli, PZ