23.04.2022 – Multi-Kulti Genusstour

Delikatesse

Pforzheimer Zeitung vom 25.04.2022:

Pforzheim von der appetitlichen Seite

WSP-Genusstour durch Vielvölkerstadt im Zeichen von Reuchlins Toleranz.
Designierter Chef des Ordnungsamts unter den Teilnehmenden.

„Pforzheim ist schön“, sagt die Kulturanthropologin und Stadtführerin Melike Helimergin am Samstagnachmittag in der Tourist-Info. Diejenigen, die das anders sehen, lädt sie bei einem Gläschen Goldstadtsekt dazu ein, die eigene voreingenommene Haltung zu überdenken. Die Teilnehmenden der anstehenden Multi-Kulti-Genusstour klatschen zustimmend. Sie sind gekommen, um die schönen Seiten der Stadt und vor allem ihre kulinarischen Höhepunkte zu entdecken.
Gegen Betriebsblindheit
„Die Veranstaltung ist mir sofort ins Auge gesprungen“, sagt die PZ-Leserin Elke Sulzer. Sie ist gespannt, zu welchen internationalen Lokalitäten es geht. Auch Sabine Jung hat sich sofort angemeldet und pflichtet Helimergin bei, dass man als Pforzheimer oft zu kritisch auf die eigene Stadt blicke. „Man wird betriebsblind und schaut sich viel zu selten an, was man hat.“ Der frische Blick von außen, wie ihn die in Murr aufgewachsene Stadtführerin mitbringt, gefällt ihr.
Nach der Verkostung gefüllter Teigtaschen aus Äthiopien namens Sambusa des Restaurants „MamaAfrika“ beginnt der historische Teil der Führung im Schlosspark. Dort erzählt Helimergin passend zum diesjährigen Jubiläum vom humanistischen Gedankengut Reuchlins, der bereits im 15. Jahrhundert für die Akzeptanz anderer Religionen einstand und empfiehlt das Museum hinter der Schlosskirche. Anschließend führt die Tour zur heutigen Kultur- und Kreativszene beim ehemaligen Emma-Jaeger-Bad. Dort erwarten die WSP-Leiterin Isabell Prior und die Auszubildende Lena Lorenz die Gruppe mit einer erfrischenden Limonade vom Café Roland.
Lateinamerika für den Gaumen
Nach einer Einführung in die Gründungsgeschichte Pforzheims als römischer Flusshafen an der Enz, verteilt die Halb-Venezolanerin und Inhaberin des Restaurants „vivarepas“ Ana Duarte Maisfladen mit Pulled Beef, Tomatensalsa und einer Art Guacamole. „Lecker“, findet der zukünftige Leiter des Ordnungsamts Jürgen Beck, der die ungewöhnliche Stadttour als Chance nutzt, um seinen neuen Arbeitsplatz kennenzulernen. „Ich glaube, Pforzheim ist völlig unterschätzt“, sagt der gebürtige Regensburger. Manchmal müsse man sich eben die Zeit nehmen, Schönheit auf den zweiten Blick zu entdecken und verborgene Schätze auszugraben.
Wie viele es davon gibt, macht Helimergin auf dem Waisenhausplatz deutlich, als sie Geschichten aus der Schmuckindustrie- und Blütezeit der Stadt erzählt. Zu erfahren, dass die Goldschmiedeschule die erste Ausbildungsschule weltweit war, sei für sie ein echtes Aha-Erlebnis gewesen. Natürlich kann man traurig finden, wie sehr das Stadtbild nach wie vor unter der Zerstörung am 23. Februar 1945 leidet, aber man dürfe nicht vergessen, was für eine Leistung es war, überhaupt wieder eine lebenswerte Stadt aufzubauen.
Was Pforzheim inzwischen zu bieten hat, merken die Teilnehmenden beim Angebot der Köstlichkeiten auf dem Weg vom Flößerdenkmal über den Sedans- bis zum Leopoldplatz. Erst lassen sie sich Bananenbrot vom vietnamesischen Caphe an der Enz schmecken, dann italienische Spezialitäten aus dem Restaurant La Piazza und als süßen Abschluss Pralinen aus der Tourist-Info sowie den Kaffee der Vinothek Müssle. Überzeugt sind so am Ende auch Gudrun und Klaus Büscher aus Hessigheim, die die Tour beim Kraichgau-Stromberg Tourismus Verein gewonnen haben. Sind sie bisher immer nur auf der Durchfahrt an Pforzheim vorbeigekommen, planen sie nun öfter einen Stopp einzulegen.

Sofia Morelli, PZ