28.05.2022 – Prof. Aleida Assmann: Wahr ist, was uns verbindet.

Aleida Assmann

Pforzheimer Zeitung vom 30.05.2022:

„Reuchlin ist ein Geschenk, das nicht ausgepackt wird“

Aleida Assmann wünscht sich bei ihrem Vortrag mehr Beachtung für den Humanisten.

Am Ende des beeindruckenden Vortrags „Wahr ist, was uns verbindet“ von Professorin Aleida Assmann war sich die Anglistin mit dem Reuchlin-Beauftragten der Stadt Pforzheim, Christoph Timm einig: Reuchlin als Vermittler unterschiedlicher Welten müsse in die Schulbücher und auch auf eine Briefmarke. „Johannes Reuchlin ist in Pforzheim gut verortet, aber er fehlt in den Schulbüchern. Es gibt ein Erasmus-Stipendium, aber kein Reuchlin-Stipendium und auch keine Briefmarke“, monierte Timm, der sich für den europäischen Humanisten, der in Pforzheim geboren wurde, mehr Beachtung auf deutscher und europäischer Ebene wünschen würde.



„Es ist ein Geschenk, das nicht ausgepackt wird. Das sollte sich ändern. Es muss auf eine andere Höhe gebracht werden. Das Licht muss leuchten“, so die Referentin. Zustimmende Blicke und Beifall gab es dafür nicht nur von den rund 100 Besuchern am Samstag im CCP, sondern auch von Timm, Angelika Drescher, der Projektleiterin des Reuchlinjahres, und von Claudia Baumbusch, der Projektkoordinatorin. Alle wollen mithelfen „den Schatz mit Perlen“ das „Päckchen Reuchlin“, wie es die Vortragende nannte, auszupacken und es zum Markenzeichen werden zu lassen.
„Wenn wir an Reuchlin denken, blicken wir über 500 Jahre hinweg in eine Zeit, in der die Grundlagen der westlichen Moderne gelegt wurden“, so Assmann, eine der profiliertesten Stimmen der Erinnerungs- und Gedenkkultur in Deutschland. Um 1500 begann die Moderne in verschiedenen Gestalten, die die Professorin anhand der Renaissance, der Reformation und des Kolonialismus festmachte.
Assmann, die für ihr friedenskulturelles Engagement mit ihrem Ehemann, dem Ägyptologen Jan Assmann, 2018 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels geehrt wurde, gab einen faszinierenden Rückblick auf einen bedeutenden Menschen, der über seine Zeit hinausragte.

Achtung vor dem Fremden

„Erkundet das Fremde, zerstört es nicht“, zitierte die Professorin Reuchlin. Denn die Achtung vor dem Fremden, der Impuls, Sprachen zu erlernen, um die Welt aus unterschiedlichen Perspektiven kennenzulernen, sei im Mittelpunkt seiner geistigen Orientierung gestanden. „Mit Recht hat Reuchlins Geburtsstadt Pforzheim dieses Motto auf ihre Fahnen, ihre Homepage geschrieben“, so die Wissenschaftlerin.

In seiner Lebenszeit habe Reuchlin schwerste kulturelle Gewalt erlebt. Gleichzeitig verkörperte er einen humanen Humanismus in Zeiten von Spaltungen und Feindbildern. In einer Zeit anti-jüdischen Trennungswahns habe Reuchlin entgegengesetzte Zeichen als ein Protagonist für Menschlichkeit und Toleranz gesetzt.
„Er war ein Anwalt für kulturelle Öffnung, für die Übersetzung von Sprachen und die Verknüpfung von Überlieferungen“, so Assmann. Man schulde ihm in seinem Gedenkjahr, „diese Zeichen wiederzuentdecken, sie im Horizont der langen europäischen Geschichte zu würdigen und immer wieder fruchtbar zu machen“, so ihre Aussage. Wer das kosten-lose Programmbuch zum Jubiläumsjahr mit ganz unterschiedlichen Veranstaltungen und Zielgruppen durchblättert, hat daran keinen Zweifel.

Silke Fux, PZ